Von der Autobahn aus sehen sie aus wie Schneefelder, unwahrscheinlich über dem Septemberhimmel der Toskana hängend. Es ist kein Schnee. Das Weiß auf den Gipfeln der Apuanischen Alpen ist Marmor — und nicht irgendeiner. Aus diesen Bergen kam der Stein für das Pantheon und die Trajanssäule, für Michelangelos Pietà und seinen David. Wer hier hinauffährt, fährt zur Herkunft von Meisterwerken. Wir haben einen Vormittag, ein Auto und eine Straße, die von Carrara durch das Becken von Torano bis an den höchsten befahrbaren Punkt führt.
Ein Berg voller Schätze
Die Zahlen sind schwer zu fassen: An den Hängen über Carrara finden sich Spuren von mindestens 650 Steinbruch-Stellen, und kein Ort der Erde hat mehr Marmor geliefert. Die Römer nannten den Stein marmor lunense; das reinste Weiß — statuario — ist bis heute der Maßstab der Bildhauerei. Und dieser Berg hat eine Adresse in der Kunstgeschichte: 1497 kam Michelangelo zum ersten Mal nach Carrara, um den Block für die Pietà auszusuchen; 1505 verbrachte er von Mai bis Dezember hier oben, um Marmor für das Grabmal Julius‘ II. zu brechen. Sein Lieblingsbruch, die Cava Polvaccio, liegt im Becken von Torano — genau dort, wo unsere Straße hinaufführt. Die rauen Steinbrecher von Torano, heißt es, schätzte er mehr als alle anderen.
10:10 — Einfahrt ins Tal
Die Straße folgt dem Carrione bergauf, und das Tal beginnt mit einem Museum, das niemand kuratiert: Am Straßenrand, unter einem 30er-Schild, das hier niemand liest, verrostet ein Lkw der vorigen Generation, den Block noch auf der Ladefläche. Ein paar Meter weiter steht eine Dampflok der Ferrovia Marmifera als Denkmal — Carraras private Marmorbahn, die von 1876 bis 1964 auf 33 Kilometern Gleis in die Brüche kletterte, Steigungen bis sechs Prozent —, die Blöcke noch geladen, als wäre nur die letzte Schicht zu Ende gegangen.
Dann die Werkstätten: Steinmetze, Sägewerke und Verladehallen reihen sich an der Straße, eine Statue wartet am Zaun auf ihren Käufer, Förderbänder überbrücken Schiene und Fluss. Und der Fluss ist das Seltsamste von allem: Der Carrione fließt milchig-weiß — Marmorstaub aus den Brüchen und Sägeschlamm aus den Werken, der Berg verlässt das Tal als Flüssigkeit. Man steht am Ufer und sieht zu, wie die Apuanischen Alpen Richtung Meer abfließen.
10:30 — Serpentinen
Hinter den Werkstätten windet sich die Straße nach oben, Stromleitungen queren das Tal, und mit jeder Kehre wird das Weiß größer: erst ein Fleck zwischen den Bäumen, dann ein Hang, dann ein ganzer Kessel. Marmorblöcke stehen als Leitplanke am Fahrbahnrand, an den Cava-Einfahrten liegen sie nummeriert auf Lager. Man fährt langsam — nicht aus Vorsicht, sondern weil man alle hundert Meter anhalten will.
11:00 — Wände wie abstrakte Kunst
Die aktiven Brüche erkennt man am Zaun und am Lärm. Wo gesägt wird, stehen die Wände glatt wie geschnittenes Brot, grau-weiß geädert, mit schwarzen Öffnungen dort, wo der Berg von innen abgebaut wird. Aus der Nähe sind das keine Landschaften mehr, sondern Bilder: Flächen, Linien, Schnittkanten — Marmorwände wie abstrakte Kunst. Man steht davor und denkt daran, dass irgendwo in diesem Grau der nächste David steckt.
11:05 — Der Kessel ganz oben
Dann endet die Straße, und vor einem öffnet sich ein Kessel aus Weiß: Terrassen, Halden, Bagger so klein wie Spielzeug. Der höchste befahrbare Punkt des Torano-Beckens.
11:25 — Lkw, Steinmännchen, Leitungen
Wer hier oben ist, teilt die Straße mit denen, die den Berg abtragen: Lastwagen mit Blöcken von der Größe eines Kleinwagens, eine Staubfahne hinterher. Leitungen laufen am Straßenrand hinauf zu den Brüchen; der Arbeitsplatz beginnt, lange bevor man ihn sieht. Und wer hier ankommt, baut offenbar: Am Wegrand stapeln Besucher kleine Türme aus Marmorbrocken — Steinmännchen aus dem Material der Pietà. Die Arbeiter haben wir nicht fotografiert, aber ihre Stimmung war nicht zu übersehen: gelassen, freundlich, in bester Laune — als wüssten sie, dass sie an einem der geschichtsträchtigsten Orte der Menschheit arbeiten, und als wären sie stolz darauf.
11:35 — Die Segheria
Am höchsten befahrbaren Punkt steht eine Ruine. Eine Segheria — ein Marmorsägewerk, Erbe der wasserbetriebenen Plattenschneidereien, die seit dem 17. Jahrhundert am Carrione liefen — steht dachlos im Grün, ihr Verladegerüst rostet über der Fahrbahn, an den Wänden gegenüber rosten die Derrickkräne aufgegebener Brüche. Rund die Hälfte der 650 Brüche ist stillgelegt, und hier oben sieht man beides nebeneinander: das Tote und das Lebendige. Jede Cava führt ihr Register, rot auf den Stein gemalt — auch die, die niemand mehr braucht.
Und an der Ruine, ganz oben, trägt ein Erdbeerbaum rote Früchte vor dem weißen Hang. Es ist das letzte Bild, bevor es wieder hinuntergeht.
11:50 — Das Auto ist weiß
Zurück am Auto ist klar, was der Berg mit allem macht, was lange genug stillsteht: Es ist weiß gepudert — Lack, Scheiben, Reifen. Das Navi zeigt die Route durch das Becken von Torano, unnamed road, Ende der Straße. Nächstes Ziel: Florenz, 137 Kilometer — dorthin, wo der David steht.
Mit achtzig durch den Tunnel
Die Abfahrt teilt man wieder mit den Lastwagen, die mit achtzig Sachen durch die Tunnel donnern — echte achtzig, nicht gefühlte — Einheimische auf einer Strecke, die sie im Schlaf fahren könnten. Dann kommen die unbeleuchteten Tunnel. Kein Licht, und doch sind sie hell: Der Marmorstaub an den Wänden und das Wasser am Boden werfen den letzten Rest Tageslicht zurück, eine weiße Röhre im Berg. Man fährt hinein und weiß, dass jeden Moment hinter einem ein Lkw auftauchen kann, schnell und schwer. Man bleibt rechts, man bleibt in Bewegung — und der Puls fährt mit. Es ist der aufregendste Kilometer der Reise.
12:00 — Das Meer, Torano und der letzte Blick
Auf halbem Rückweg ein kleiner Rastplatz, und das Tal öffnet sich: Unten liegt Carrara in der Ebene, dahinter glänzt das Ligurische Meer — der Weg, den der Marmor seit zweitausend Jahren nimmt. Eine Belohnung, bevor man diesen Ort wieder verlassen muss.
Unten im Tal liegt Torano, das Dorf am Rand des Bruchs: bunte Häuser übereinandergestapelt, darüber die Hallen der Werke, dahinter die Wände. Von hier kamen die Steinbrecher, die Michelangelo allen anderen vorzog. Eine halbe Stunde später sind wir wieder auf der Autobahn, und im Rückspiegel stehen die weißen Gipfel, die aussehen wie Schnee. Jetzt weiß man, was sie sind.
Die Brüche besuchen
- Wo: Carrara, nördliche Toskana. Drei Steinbruchtäler beginnen direkt über der Stadt: Torano, Miseglia/Fantiscritti und Colonnata. Diese Tour: über Torano und Piastra hinauf bis zum Ende der Straße im Becken von Torano.
- Michelangelos Bruch: Die Cava Polvaccio (heute Cava Michelangelo) liegt im Becken von Torano; Führungen in aktive Brüche bieten lokale Anbieter an.
- Fahren: Die Bruchstraßen sind öffentlich, aber man teilt sie mit Marmor-Lkw — früh fahren; werktags arbeiten die Brüche, am Wochenende gehören die Ruinen dir. In den unbeleuchteten Tunneln: Licht an, rechts bleiben.
- Kombinieren mit: Colonnata (Lardo!) am Ende seines Tals und den Aussichtspunkten über Carrara zum Meer.
- Staub einplanen: Was man oben parkt, kommt weiß zurück.
Quellen
- Wikipedia: Carrara marble — Pantheon und Trajanssäule, David, statuario, 650 Brüche.
- La Nazione: Michelangelo e le cave apuane (Vortrag Cristina Acidini) — Polvaccio im Becken von Torano, die Steinbrecher von Torano.
- Carrara Marble Tour: Michelangelo e il marmo a Carrara — erster Aufenthalt 1497 für die Pietà.
- Wikipedia: Tomb of Pope Julius II — Mai bis Dezember 1505 in den Brüchen von Carrara.
- Wikipedia (it): Ferrovia Marmifera Privata di Carrara und CAI Firenze: La ferrovia marmifera — Daten der Bahn.
- Maraina in viaggio: Lungo la strada dei marmi und Museo Galileo: Lungo le vie del marmo — die Segherie entlang der Talstraße, Erben wasserbetriebener Plattenschneidereien seit dem 17. Jahrhundert.