Carrara: Die Berge, die aussehen wie Schnee

Von der Autobahn aus sehen sie aus wie Schneefelder, unwahrscheinlich über dem Septemberhimmel der Toskana hängend. Es ist kein Schnee. Das Weiß auf den Gipfeln der Apuanischen Alpen ist Marmor — und nicht irgendeiner. Aus diesen Bergen kam der Stein für das Pantheon und die Trajanssäule, für Michelangelos Pietà und seinen David. Wer hier hinauffährt, fährt zur Herkunft von Meisterwerken. Wir haben einen Vormittag, ein Auto und eine Straße, die von Carrara durch das Becken von Torano bis an den höchsten befahrbaren Punkt führt.

Die Marmorgipfel der Apuanischen Alpen über Carrara — weiß wie Schnee unter Septemberwolken.
Die Marmorgipfel der Apuanischen Alpen über Carrara — weiß wie Schnee unter Septemberwolken.

Ein Berg voller Schätze

Die Zahlen sind schwer zu fassen: An den Hängen über Carrara finden sich Spuren von mindestens 650 Steinbruch-Stellen, und kein Ort der Erde hat mehr Marmor geliefert. Die Römer nannten den Stein marmor lunense; das reinste Weiß — statuario — ist bis heute der Maßstab der Bildhauerei. Und dieser Berg hat eine Adresse in der Kunstgeschichte: 1497 kam Michelangelo zum ersten Mal nach Carrara, um den Block für die Pietà auszusuchen; 1505 verbrachte er von Mai bis Dezember hier oben, um Marmor für das Grabmal Julius‘ II. zu brechen. Sein Lieblingsbruch, die Cava Polvaccio, liegt im Becken von Torano — genau dort, wo unsere Straße hinaufführt. Die rauen Steinbrecher von Torano, heißt es, schätzte er mehr als alle anderen.

10:10 — Einfahrt ins Tal

Die Straße folgt dem Carrione bergauf, und das Tal beginnt mit einem Museum, das niemand kuratiert: Am Straßenrand, unter einem 30er-Schild, das hier niemand liest, verrostet ein Lkw der vorigen Generation, den Block noch auf der Ladefläche. Ein paar Meter weiter steht eine Dampflok der Ferrovia Marmifera als Denkmal — Carraras private Marmorbahn, die von 1876 bis 1964 auf 33 Kilometern Gleis in die Brüche kletterte, Steigungen bis sechs Prozent —, die Blöcke noch geladen, als wäre nur die letzte Schicht zu Ende gegangen.

Dampflok der Ferrovia Marmifera (1876–1964), die Blöcke noch geladen.
Dampflok der Ferrovia Marmifera (1876–1964), die Blöcke noch geladen.

Dann die Werkstätten: Steinmetze, Sägewerke und Verladehallen reihen sich an der Straße, eine Statue wartet am Zaun auf ihren Käufer, Förderbänder überbrücken Schiene und Fluss. Und der Fluss ist das Seltsamste von allem: Der Carrione fließt milchig-weiß — Marmorstaub aus den Brüchen und Sägeschlamm aus den Werken, der Berg verlässt das Tal als Flüssigkeit. Man steht am Ufer und sieht zu, wie die Apuanischen Alpen Richtung Meer abfließen.

Der Lkw der vorigen Generation: verrostet am 30er-Schild, den Block noch auf der Ladefläche.
Der Lkw der vorigen Generation: verrostet am 30er-Schild, den Block noch auf der Ladefläche.
Eine Marmorstatue wartet am Zaun der Werkstatt.
Eine Marmorstatue wartet am Zaun der Werkstatt.
Werk im Tal, das Förderband rostet über Schiene und Fluss.
Werk im Tal, das Förderband rostet über Schiene und Fluss.
Der Carrione unterhalb der Sägewerke, milchig vom Marmorstaub — Video, 14 Sekunden.

10:30 — Serpentinen

Hinter den Werkstätten windet sich die Straße nach oben, Stromleitungen queren das Tal, und mit jeder Kehre wird das Weiß größer: erst ein Fleck zwischen den Bäumen, dann ein Hang, dann ein ganzer Kessel. Marmorblöcke stehen als Leitplanke am Fahrbahnrand, an den Cava-Einfahrten liegen sie nummeriert auf Lager. Man fährt langsam — nicht aus Vorsicht, sondern weil man alle hundert Meter anhalten will.

Die Serpentinen hinauf, das Weiß im Blick.
Die Serpentinen hinauf, das Weiß im Blick.
Stromleitungen über dem Tal, der Bruch dahinter.
Stromleitungen über dem Tal, der Bruch dahinter.
Blöcke an einer Cava-Einfahrt.
Blöcke an einer Cava-Einfahrt.

11:00 — Wände wie abstrakte Kunst

Die aktiven Brüche erkennt man am Zaun und am Lärm. Wo gesägt wird, stehen die Wände glatt wie geschnittenes Brot, grau-weiß geädert, mit schwarzen Öffnungen dort, wo der Berg von innen abgebaut wird. Aus der Nähe sind das keine Landschaften mehr, sondern Bilder: Flächen, Linien, Schnittkanten — Marmorwände wie abstrakte Kunst. Man steht davor und denkt daran, dass irgendwo in diesem Grau der nächste David steckt.

Geschnittene Wand, grau-weiß geädert.
Geschnittene Wand, grau-weiß geädert.
Die Öffnung, wo der Berg von innen abgebaut wird.
Die Öffnung, wo der Berg von innen abgebaut wird.
Wand, Stollen, Seile.
Wand, Stollen, Seile.
Ein aktiver Bruch hinter dem Zaun.
Ein aktiver Bruch hinter dem Zaun.

11:05 — Der Kessel ganz oben

Dann endet die Straße, und vor einem öffnet sich ein Kessel aus Weiß: Terrassen, Halden, Bagger so klein wie Spielzeug. Der höchste befahrbare Punkt des Torano-Beckens.

Schwenk über den Kessel am höchsten befahrbaren Punkt — Video, 18 Sekunden.
Der Kessel am Ende der Straße.
Der Kessel am Ende der Straße.
Die Terrassen über dem höchsten befahrbaren Punkt.
Die Terrassen über dem höchsten befahrbaren Punkt.
Die Bruchstraße ganz oben, weiß gepudert.
Die Bruchstraße ganz oben, weiß gepudert.

11:25 — Lkw, Steinmännchen, Leitungen

Wer hier oben ist, teilt die Straße mit denen, die den Berg abtragen: Lastwagen mit Blöcken von der Größe eines Kleinwagens, eine Staubfahne hinterher. Leitungen laufen am Straßenrand hinauf zu den Brüchen; der Arbeitsplatz beginnt, lange bevor man ihn sieht. Und wer hier ankommt, baut offenbar: Am Wegrand stapeln Besucher kleine Türme aus Marmorbrocken — Steinmännchen aus dem Material der Pietà. Die Arbeiter haben wir nicht fotografiert, aber ihre Stimmung war nicht zu übersehen: gelassen, freundlich, in bester Laune — als wüssten sie, dass sie an einem der geschichtsträchtigsten Orte der Menschheit arbeiten, und als wären sie stolz darauf.

Ein Block auf der Pritsche, eine Staubfahne hinterher: ein Marmor-Lkw auf der Talstraße.
Ein Block auf der Pritsche, eine Staubfahne hinterher: ein Marmor-Lkw auf der Talstraße.
Steinmännchen aus Marmorbrocken am höchsten befahrbaren Punkt — dahinter der Tunnel.
Steinmännchen aus Marmorbrocken am höchsten befahrbaren Punkt — dahinter der Tunnel.
Leitungen zum Bruch: Der Arbeitsplatz beginnt, bevor man ihn sieht.
Leitungen zum Bruch: Der Arbeitsplatz beginnt, bevor man ihn sieht.
Ein Marmor-Lkw unter dem Gerüst der Segheria hindurch.
Ein Marmor-Lkw unter dem Gerüst der Segheria hindurch.

11:35 — Die Segheria

Am höchsten befahrbaren Punkt steht eine Ruine. Eine Segheria — ein Marmorsägewerk, Erbe der wasserbetriebenen Plattenschneidereien, die seit dem 17. Jahrhundert am Carrione liefen — steht dachlos im Grün, ihr Verladegerüst rostet über der Fahrbahn, an den Wänden gegenüber rosten die Derrickkräne aufgegebener Brüche. Rund die Hälfte der 650 Brüche ist stillgelegt, und hier oben sieht man beides nebeneinander: das Tote und das Lebendige. Jede Cava führt ihr Register, rot auf den Stein gemalt — auch die, die niemand mehr braucht.

Die Segheria an der Talstraße, ihr Verladegerüst rostet über der Fahrbahn.
Die Segheria an der Talstraße, ihr Verladegerüst rostet über der Fahrbahn.
Sägewerk, Gerüst, Geröll — das Tal unter den aktiven Brüchen.
Sägewerk, Gerüst, Geröll — das Tal unter den aktiven Brüchen.
Jede Cava führt ihr Register, rot gemalt.
Jede Cava führt ihr Register, rot gemalt.
Das Verladegerüst spannt sich über die Straße.
Das Verladegerüst spannt sich über die Straße.
Unter dem Gerüst.
Unter dem Gerüst.
Der Weg am dachlosen Sägewerk vorbei.
Der Weg am dachlosen Sägewerk vorbei.
Blick von der Segheria die Straße hinunter, Blöcke als Leitplanke.
Blick von der Segheria die Straße hinunter, Blöcke als Leitplanke.

Und an der Ruine, ganz oben, trägt ein Erdbeerbaum rote Früchte vor dem weißen Hang. Es ist das letzte Bild, bevor es wieder hinuntergeht.

Ein Erdbeerbaum an der Ruine ganz oben, rote Früchte vor weißem Stein.
Ein Erdbeerbaum an der Ruine ganz oben, rote Früchte vor weißem Stein.

11:50 — Das Auto ist weiß

Zurück am Auto ist klar, was der Berg mit allem macht, was lange genug stillsteht: Es ist weiß gepudert — Lack, Scheiben, Reifen. Das Navi zeigt die Route durch das Becken von Torano, unnamed road, Ende der Straße. Nächstes Ziel: Florenz, 137 Kilometer — dorthin, wo der David steht.

Das Tal pudert alles weiß.
Das Tal pudert alles weiß.
11:53 — das Navi im Becken von Torano; nächstes Ziel Florenz.
11:53 — das Navi im Becken von Torano; nächstes Ziel Florenz.

Mit achtzig durch den Tunnel

Die Abfahrt teilt man wieder mit den Lastwagen, die mit achtzig Sachen durch die Tunnel donnern — echte achtzig, nicht gefühlte — Einheimische auf einer Strecke, die sie im Schlaf fahren könnten. Dann kommen die unbeleuchteten Tunnel. Kein Licht, und doch sind sie hell: Der Marmorstaub an den Wänden und das Wasser am Boden werfen den letzten Rest Tageslicht zurück, eine weiße Röhre im Berg. Man fährt hinein und weiß, dass jeden Moment hinter einem ein Lkw auftauchen kann, schnell und schwer. Man bleibt rechts, man bleibt in Bewegung — und der Puls fährt mit. Es ist der aufregendste Kilometer der Reise.

12:00 — Das Meer, Torano und der letzte Blick

Auf halbem Rückweg ein kleiner Rastplatz, und das Tal öffnet sich: Unten liegt Carrara in der Ebene, dahinter glänzt das Ligurische Meer — der Weg, den der Marmor seit zweitausend Jahren nimmt. Eine Belohnung, bevor man diesen Ort wieder verlassen muss.

Blick vom Steinbruch auf Carrara, dahinter das Ligurische Meer.
Blick vom Steinbruch auf Carrara, dahinter das Ligurische Meer.

Unten im Tal liegt Torano, das Dorf am Rand des Bruchs: bunte Häuser übereinandergestapelt, darüber die Hallen der Werke, dahinter die Wände. Von hier kamen die Steinbrecher, die Michelangelo allen anderen vorzog. Eine halbe Stunde später sind wir wieder auf der Autobahn, und im Rückspiegel stehen die weißen Gipfel, die aussehen wie Schnee. Jetzt weiß man, was sie sind.

Torano, das Dorf am Rand des Bruchs.
Torano, das Dorf am Rand des Bruchs.
Bunte Häuser, darüber der Berg.
Bunte Häuser, darüber der Berg.
Der letzte Blick von der Autobahn: die Marmorgipfel über Carrara.
Der letzte Blick von der Autobahn: die Marmorgipfel über Carrara.

Die Brüche besuchen

  • Wo: Carrara, nördliche Toskana. Drei Steinbruchtäler beginnen direkt über der Stadt: Torano, Miseglia/Fantiscritti und Colonnata. Diese Tour: über Torano und Piastra hinauf bis zum Ende der Straße im Becken von Torano.
  • Michelangelos Bruch: Die Cava Polvaccio (heute Cava Michelangelo) liegt im Becken von Torano; Führungen in aktive Brüche bieten lokale Anbieter an.
  • Fahren: Die Bruchstraßen sind öffentlich, aber man teilt sie mit Marmor-Lkw — früh fahren; werktags arbeiten die Brüche, am Wochenende gehören die Ruinen dir. In den unbeleuchteten Tunneln: Licht an, rechts bleiben.
  • Kombinieren mit: Colonnata (Lardo!) am Ende seines Tals und den Aussichtspunkten über Carrara zum Meer.
  • Staub einplanen: Was man oben parkt, kommt weiß zurück.

Quellen